Die Kernstockgasse – ein brauner Fleck in Mistelbach

Eine zweifelhafte Würdigung der deutschnationalen, „völkischen“ Ideologie stellt bis heute die Kernstockgasse in Mistelbach dar. Benannt ist sie nach dem steirischen Dichter und Priester Ottokar Kernstock (1848-1928), der sein Schaffen zeitlebens dem „Volkstumskampf“ widmete.

Schon 1911 dichtete der Pfarrer Kernstock ganz und gar unchristlich:

Drum schilt die Deutschen nicht

Scheint’s auch zuweilen

Als habe Rost ihr tapf’res

Schwert belegt

Wenn sie die Not bezwingt

Hiebe auszuteilen

ist’s rasch an Feindes-

Schädeln blankgefegt.

Und im Kriegsrausch verfasste er im Jahr 1916 blutrünstige Lyrik wie:

Steirische Holzer holzt mir gut

mit Büchsenkolben die Serbenbrut!

Steirische Jäger trefft mir glatt

Den russischen Zottelbären aufs Blatt!

Steirische Winzer presst mir fein

Aus Welschlandfrüchten blutroten Wein!

Es scheint angemessen, wenn Karl Kraus den Dichter einst als „blutigsten Dilettanten der Weltkriegslyrik” bezeichnete.

Im Jahr 1923 würdigte Kernstock die Bestrebungen der Nationalsozialisten mit seinem „Hakenkreuzlied“ und schuf damit eines der maßgeblichen Propagandawerke der Nazi-Ideologie. Nach 1945 geriet er außerhalb einschlägiger Kreise als Schriftsteller in Vergessenheit.

In zahlreichen Städten wurden die nach ihm benannten Straßen und Plätze bereits umbenannt, so erhielt etwa 1993 die Ottokar-Kernstock-Straße in Wien-Penzing ihren neuen Namen nach dem Widerstandskämpfer Franz Jägerstätter.

„Die Benennung der Kernstockgasse ist angesichts der literaturhistorischen Bedeutungslosigkeit des Dichters eindeutig ein politisches Bekenntnis“, stellt der Sprecher der KPÖ im Bezirk Mistelbach, Christoph Kepplinger, fest und fordert die Mistelbacher Stadtverantwortlichen auf: „Es gibt keinen zureichenden Grund, an der Würdigung dieses geistigen Wegbereiters des Nationalsozialismus festzuhalten. Gerade die Stadt Mistelbach, die sich 1938 als erste ‚judenreine’ Stadt in Niederösterreich feierte, sollte in diesen Belangen mehr Sensibilität im Umgang mit der eigenen Geschichte aufbringen.“