Erinnerung an den Februar 1934 beim Mahnmal in Wöllersdorf

Anlässlich des 83. Jahrestages der Februarkämpfe gedachten Aktivistinnen und Aktivisten der KPÖ-Bezirksorganisation Wiener Neustadt sowie des KZ-Verbandes beim Wöllersdorfer Mahnmal dieser Ereignisse.

Ludwig Haiden (KZ-Verband) erinnerte daran, dass den Februarkämpfen von 1934 der Freispruch der Arbeitermörder von Schattendorf 1927, der „Korneuburger Eid“ der Heimwehr 1930, die Ausschaltung des Parlaments, das Verbot der KPÖ und des Schutzbunds 1933, die Einrichtung von Anhaltelagern – wie in Wöllersdorf – vorausgingen, und dass der Februar 1934 einen markanten Wendepunkt in der österreichischen Geschichte darstellt.

Haiden wies darauf hin, dass es aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen auch 2017 höchst notwendig ist, die Erinnerung an die Bedeutung des 12. Februar 1934 für Kampf um Demokratie und soziale Gerechtigkeit und gegen alle Varianten von autoritärer Politik und Faschismus wachzuhalten.

Helmut Halvax (KPÖ) erzählte über einen Mann, der hier interniert war – sein Großvater Samuel Halwax:

„Ich war schon oft hier, bei diesem Mahnmal, allerdings immer alleine. Heute stehe ich erstmals bei einer Gedenkfeier im Kreise Gleichgesinnter. Viele Bilder und Gedanken gehen mir durch den Kopf, und ich höre richtiggehend die Stimme meines Großvaters, wie er uns Kindern von Faschismus, Krieg und seinem Aufenthalt hier in diesem Lager erzählt…

Es war nicht das erste Mal und sollte auch nicht das letzte Mal sein, dass er für seine Überzeugungen, für den Kampf gegen den Faschismus und für die Rechte der Unterdrückten die Stimme erhoben hat und aktiv geworden ist. Bereits 1919, kurz nachdem er als junger Soldat den Gräueln des Ersten Weltkriegs entkommen war, nahm er am Versuch teil, in Ungarn, als Mitstreiter von Bela Kun, eine gerechtere, sozialistische Gesellschaft in der Form der Räteregierung zu errichten. Das Vorhaben scheiterte, und mein Großvater wurde in einen mittelalterlichen Kerker in Ödenburg gesperrt, geschlagen und  gefoltert. Nach einigen Monaten konnte er nach Österreich fliehen, wo sich auch Bela Kun bereits befand. Er nahm seine politischen Aktivitäten wieder auf und wurde in der Folge Ortsobmann  der Sozialdemokratischen Partei in Zillingdorf und später Ortsobmann der KPÖ.

1934 beteiligte er sich an den Februarkämpfen in Wien Floridsorf, ich glaube im Schlingerhof. Am 15. Februar wurde mein Großvater in Wien verhaftet und im Anhaltelager Wöllersdorf interniert. Wöllersdorf, so hat er immer erzählt, war eine schlimme Zeit voller Entbehrungen, insbesondere auch für die Familien der Inhaftierten. Sofort nach seiner Entlassung ging der Untergrundkampf gegen die Austrofaschisten mit der Gründung einer Zelle der Revolutionären Sozialisten, mit Flugblattaktionen usw. weiter.

Diese Widerstandstätigkeit hat mein Großvater auch nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich fortgesetzt. 1942 wurde er dafür wegen Hochverrats verurteilt und bis Kriegsende im Konzentrationslager Dachau interniert. Dort musste er, wie viele andere auch, massive Folter und schwere Misshandlungen über sich ergehen lassen. Aber alle diese Entbehrungen und Qualen konnten ihn niemals beugen, und er ist seiner Überzeugung und seinem Glauben an eine gerechtere Welt bis zum Lebensende treu geblieben.

Ich erzähle das alles so ausführlich, weil es für mich, einen Wohlstandsbürger, der niemals Ähnliches erlebt hat, wirklich unglaublich ist, was er und andere Genossen hier in Wöllersdorf und in anderen Lagern der Faschisten ertragen mussten – in seinem Fall über 30 Jahre lang nur Kampf und Verfolgung…

Ich habe von ihm und anderen Familienangehörigen, die ebenfalls gegen den Faschismus gekämpft haben, viel gelernt. Gelernt, alle Erscheinungen in der Gesellschaft kritisch zu analysieren. Cui bono – wem nützt es – ist für mich stets die erste und wichtigste Frage, die es zu stellen gilt. Auch habe ich gelernt, meine Stimme gegen das Unrecht zu erheben, wo immer dieses auftritt. Daher verneige ich mich in Dankbarkeit vor meinem Großvater Samuel Halwax und vor allen Freiheitskämpfern des Februars 1934.“