Joseph Strelka: Antikommunismus auf austroamerikanisch

Von Erich Sameck

Anfang April führte das Stadtarchiv in Wiener Neustadt eine Veranstaltung mit dem Titel „Begegnungen“ durch, bei der ein in der Stadt Gebürtiger seine Erinnerungen präsentierte: Univ-Prof. Dr. Joseph P. Strelka. Der 89-Jährige hat auf dem Gebiet Vergleichende Literaturgeschichte eine globale Karriere vorzuweisen, die in drei amerikanischen Professuren und ebensolchen an italienischen, deutschen und südafrikanischen Universitäten gipfelte. Seine wissenschaftliche Bedeutung ist unumstritten.

Bei der Präsentation seiner im Vorjahr erschienenen Erinnerungen gab sich der welterfahrene Gentleman leutselig und beredsam. Fassungslos waren einige der Zuhörer allerdings, als er sich antikommunistischer Tiraden aus der untersten Schublade bediente. Dass ihm dies schon in der Kinderstube durch den Vater eingeträufelt worden ist, ist evident. So erfuhr man, dass dieser 1918/19 „in der tschechischen Legion im Krieg ģegen die kommunistische Diktatur gekämpft“ habe, um sich später in Wiener Neustadt niederzulassen, wo er eine Tuchhandlung mit 15 Beschäftigten gründete. Strelka wuchs also in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Zukunftsängste blieben ihm erspart, schon als Kind stand ihm ein solides, geschmackbildendes Puppentheater zur Verfügung. Vom Krieg wurde die Idylle dann zerstört, der hoffnungsvolle Jüngling wurde als Flakhelfer vom Gymnasium weg eingezogen, konnte sich allerdings davon lösen. Dann wird die Geschichte des späteren Wissenschaftlers etwas dubios, erwähnt er doch seine Tätigkeit im Untergrund und im Widerstand, lässt die Details aber offen. Selbst Karl Flanner, der anerkannte lokale Forscher auf diesem Gebiet, ein Überlebender des KZ-Grauens in Dachau und Buchenwald, ist dazu nicht fündig geworden. Namen der Kampfgefährten hat Strelka, sonst auf Genauigkeit bedacht, nicht zu bieten.

Beim Oktoberstreik des Jahres 1950 kommt der Schreiber dieser Zeilen selbst ins Bild. Strelka, damals 23 Jahre alt, schildert seine Sicht der Ereignisse als damaliger Kulturamtsleiter, aber es wird zu beweisen sein, dass die andere Schau, nämlich meine, es nicht notwendig hat, mit Räuberpistolen zu operieren. So behauptet Strelka, im Rax-Werk, einem USIA-Betrieb, seien hauptsächlich Kommunisten beschäftigt gewesen, die zum größeren Teil eine paramilitärische Ausbildung gehabt hätten. Über diese Lüge hinaus behauptet er, dass 16 LKW mit dieser paramilitärischen Truppe den Betrieb verlassen hätten, um in der Stadt die Telefonzentrale zu besetzen. Dieses aus heutiger Sicht überzogene Vorhaben war darin begründet, weil im Radio über die Streikaktion permanent falsch berichtet wurde.

Die wahren Gründe für die Streiks wurden den Zuhörern vorenthalten. Zehntausende Menschen protestierten gegen den 4. Lohn- und Preispakt von Regierung und Gewerkschaft, welcher der arbeitenden Bevölkerung schärfste Benachteiligungen bringen sollte: Lohnminderungen und Teuerung! Bei Strelka ist davon nichts zu hören. Auch nicht, wo die Streiks begonnen haben, nämlich in Oberösterreich, wo es keine USIA­Betriebe gab.

Auch was der akademische Chronist sonst zu bieten hat, bedarf einiger Richtigstellungen. So etwa die Behauptung, das Streikaufgebot wäre mit 16 LKW auf den Weg gebracht worden. In Wahrheit waren es nur drei. Die Telefonvermittlerinnen wurden höflichst über die Gründe der Aktion informiert, in keinem Moment war etwas von Gewalt zu sehen. Brutalität brachten erst die Angehörigen des Überfallskommandos aus Wien, das Bürgermeister Wehrl und der Bezirkshauptmann Mohr vom SP-Innenminister Helmer angefordert hatten. Damit wurde zum ersten Mal in der Zweiten Republik die Staatsmacht gegen einen Arbeitskampf eingebunden.

Strelka wird sich über die Konsequenzen dieser Vorgangsweise im Klaren gewesen sein. Zum verflossenen Blut, für das er im Rathaus ein Quäntchen Mithilfe leistete, hat er aber nichts zu sagen. Dass Arbeiter und Polizisten im Spital verarztet werden mussten, ist ihm keine Silbe wert. Es waren ja nur Kommunisten, die sich damals ihre Kopfnuss holten, so der Eindruck, den Strelka zu erwecken versucht. Wìeviele Sozialdemokraten aus dem Rax-Werk ebenfalls dabei waren, wer fragt schon danach. Dass die Streikbewegung aus einer falschen Einschätzung heraus am Höhepunkt zwischenzeitlich abgebrochen wurde, wofür der KPÖ-Funktionär Franz Honner, der dies im Werk begründen musste, obwohl er an entscheidender Stelle dagegen war, ausgepfiffen wurde, ist ein Trauerfall. Zum damaligen Kalkül von Regierung und Gewerkschaft, den Kommunisten Putschpläne zu unterstellen, passt auch die Behauptung Strelkas, der Retter Österreichs sei damals Franz Olah gewesen. Er hätte mit seinen Bauarbeitern „die Putschisten in die Schranken gewiesen“.

Anzubieten hat Strelka auch eine Fehde mit Ernst Fischer. So habe er dessen (in Wahrheit erst 1962 erschienenes) Buch „Von Grillparzer zu Kafka“ unter die Lupe genommen, um auszuloten, wieviel Kritik die sowjetische Zensur an einem prominenten Kommunisten zulassen würde. Er gestand Fischer zwar zu, geschickt, intelligent, ja brillant zu sein, aber letztlich sei er doch nur ein Journalist und kein Gelehrter. Dank seiner Verbindungen zu den Kulturmachern des Rundfunks habe Strelka ihn darauf im Radio attackiert und zerlegt. Seine Arbeit sei gesendet worden, verhaftet habe man ihn, den Kritikaster, vorerst nicht. Strelkas Fazit: man darf intellektuelle Kommunisten beschimpfen. Sein Mut wurde belohnt, wurde er dadurch doch mit dem Programmdirektor des ORF bekannt und konnte weiter Fuß fassen. Im ORF­Archiv findet sich übrigens kein Beleg für diese Diffamierung Ernst Fischers.

Verbindungen sind nicht nur in der Welt eines österreichischen Literaturforschers das Um und Auf. Weiteren Anschub leistete der Filmregisseur Karl Hartl, das nächste Sprungbrett war das österreichische Kulturinstitut in Paris. Strelka, so sieht er die damaligen Begegnungen, wurde in den besten Salons herumgereicht. Dabei lernte er Förderer kennen, die sich als überaus nützlich erweisen sollten, strebte Strelka doch nach internationalem Ruhm. In der Folge konnte er an Universitäten in Kalifornien, Pennsylvenia und New York Fuß fassen. Überall dort führte er neben seinen bald hochgeschätzten wissenschaftlichen Arbeiten einen unbarmherzig Kampf gegen die Kommunistenbrut. Für eine akademische Karriere in den USA ein unbedingtes Muss. Hierüber führte der Ex-Wiener-Neustädter genauestens Buch. Es fehlen weder Namen noch Orte. Ein Beispiel ist seine Lobhudelei der West-Point-Offiziere der US-Militärakademie, die er mit einer Abhandlung beehren durfte und die „ihm, dem neugebackenen Amerikaner, Gelegenheit boten, wichtigsten Washingtonern zu raten, die serbische Frage mit einem Bombardement von Belgrad zu lösen. Ein Jahr später sei man diesem Wunsch nachgekommen.“ Es nimmt nicht Wunder, wenn Strelka prahlt, als überzeugter „Reaganist“ hielte er diesen für den besten US-Präsidenten des 20. Jahrhunderts. Was Strelka anhaftet, hat schon Thomas Mann formuliert: Der Antikommunismus ist die Torheit des 20. Jahrhunderts. Dies gilt nach wie vor.

Joseph P. Strelka: Begegnungen mit geistigen Größen, an denen ich innerlich wuchs. Ein Buch des Dankes. Tübingen: Francke Verlag 2015, 182 S., 39,90 Euro