Mythos „Jagdgatter“ – Ein Spaziergang

Kaum habe ich das Tor hinter mir geschlossen, befinde ich mich auch schon auf einem wunderbaren Spazierweg. Der Wald strahlt eine angenehme Ruhe aus, die Vögel zwitschern, es riecht sehr fein nach Frühling.

Ich gehe den leicht ansteigenden Hauptweg entlang, zwischen Laubbäumen, dichten Sträuchern und Wildblumenstauden, besonders auffällig ist der seltene, lila blühende Diptam. Weiter im Wald hinein sind zwischendurch auch mal kleinere Stellen aufgewühlter Erde, welche auf die Waldbewohner hinweisen. Das Gelände ist teilweise hügelig und hin und wieder zeigen kleine Hinweistafeln, mit Pfeilen und Nummern, die Wege zu Hochständen an. Diese Wege sind jetzt, im Frühjahr, von Kräutern, Gräsern und Wildblumen zugewachsen. Über weite Strecken gibt es dann wieder kaum Hinweise auf die Jagd.

Einige Meter neben dem Weg raschelt es. Ich sehe den Rücken eines Wildschweins, das kurz darauf im Gebüsch verschwindet. Ungefähr zwei Stunden spaziere ich durch den Wald bergauf und bergab, bin beeindruckt von den schönen Hohlwegen und dem frischen Grün, bleibe dabei immer weit vom Zaun entfernt und lasse den östlichen Teil komplett aus.

Manchmal hat man Glück und kann Wildschweine sehen oder auch Damwild, das den Weg überquert. Neben dem Weg ist es meist ziemlich verwachsen und die Tiere können sich gut verstecken. Es gibt auch einen kleinen Teich, und wenn man genauer schaut findet man auch ein paar Suhlen. Im Bereich der Futterplätze ist es ruhig um diese Jahreszeit, die Tiere finden jetzt genug natürliches Futter.

Diese umfriedete Eigenjagd, nicht weit von meinem Wohnort entfernt, gehört zu den schönsten, die ich bis jetzt gesehen habe und ich nutze die Wege dort sehr gerne für Spaziergänge. Der umzäunte Wald ist 270 Hektar groß und liegt damit in etwa im Durchschnitt. Die gesetzliche Mindestgröße ist 115 Hektar, die größte umfriedete Eigenjagd in Niederösterreich hat beachtliche 2000 Hektar. (Zum Vergleich, der 1. Bezirk in Wien ist 288 Hektar groß.)

Hier passen jedenfalls der Lebensraum und auch der Wildbestand. Man sieht selten Tiere und wenn, machen sie einen sehr entspannten Eindruck. Das heißt aber nicht, dass das überall so ist. Ich habe bei weitem nicht alle 71 Gatter Niederösterreichs gesehen, aber zwischen den mir bekannten gibt es große Unterschiede.

Wozu der Zaun?

Die Umfriedung an sich ist nicht unproblematisch und es gibt durchaus berechtigte Kritikpunkte. Jeder Zaun bedeutet eine Einschränkung des ohnehin schon sehr beschränkten Lebensraumes für Wildtiere. Tiere werden nicht nur ein-, sondern auch ausgesperrt. Außerdem erfolgt eine Aneignung von Wild, das ansonsten frei ist und niemandem gehört.

In manchen Fällen kann ein Zaun jedoch durchaus sinnvoll sein, so wie in diesem Fall zum Schutz benachbarter landwirtschaftlicher Flächen. Wenn ein paar Wildschweine rauslaufen und dort umgraben würden, könnten Schäden von mehreren Tausend Euro pro Hektar entstehen, für welche der Jagdausübungsberechtige aufkommen müsste. Für den Waldboden ist das Aufbrechen des Bodens hingegen nützlich, durch wühlende Wildschweine wird das Pflanzenwachstum gefördert.

Ein weiterer Beweggrund für eine Umzäunung ist die unterschiedliche jagdliche Bewirtschaftung zu Nachbarrevieren. Dabei gibt es nicht nur Gatter mit höherem Wildbestand als außerhalb des Zaunes, sondern durchaus auch umgekehrt. Man findet in NÖ sogar beinahe wildleere Gatter, wobei sich dann aber schon wieder die Frage stellt, ob die forstwirtschaftliche Bewirtschaftung ein derartiges Aussperren von Wild rechtfertigt. Genauso ist es fragwürdig, wenn kilometerlange Zäune aufgestellt werden, damit Trophäenträger nicht auswechseln können. Einige Reviere sind auch von stark frequentieren Straßen oder Autobahnen umgeben, sodass der Zaun hilft Verkehrsunfälle zu verhindern.

Jagdgatter sind nicht grundsätzlich mit Tierquälerei verbunden, das bestätigen auch Wildbiologen. Die Bedürfnisse der Tiere können innerhalb der Umzäunung sehr gut befriedigt werden. Meist haben sie auch mehr Ruhe, sind tagsüber öfter zu sehen und trauen sich eher zum Äsen auf freie Wiesenflächen, wodurch sich Verbissschäden in Grenzen halten.

Die Jagd im Gatter

Die Tiere vermehren sich hier wie in freier Wildbahn auch und auch bei der Bejagung gibt es eigentlich keinen Unterschied. In einigen Gattern wird der Bestand mit Ansitz- oder auch Pirschjagden reguliert, aber selbst bei Bewegungsjagden besteht einiger Gestaltungsspielraum, wie die Triebe angelegt werden und bei der Anzahl der DurchgeherInnen und eventuell eingesetzter Hunde. Wichtig ist dabei sicherzustellen, dass die SchützInnen in der Jagd auf bewegtes Wild geübt und die Hunde gut ausgebildet und trainiert sind.

In meinem „Spaziergehgatter“ finden jeweils im Spätherbst zwei Bewegungsjagden statt. Eine dieser Jagden konnte ich von außen beobachten. Ungefähr 10 TreiberInnen sind in einer lockeren Reihe durchgegangen und ein paar einzelne Hunde waren unterwegs. Vormittags war der Trieb auf der Südseite und am Nachmittag in der nördlichen Hälfte. In der Regel wird bei Bewegungsjagden nur ein Teil des Gatters bejagt. Angesichts der Größe des Waldes, sowie der vielen Ausweich- und  Versteckmöglichkeiten, erscheint das immer wieder genannte Argument der fehlenden Fluchtmöglichkeit ziemlich absurd. Es wird auch nicht zum Zaun getrieben. Schon allein wenn man sich die Standorte der Hochstände anschaut, würde das überhaupt keinen Sinn ergeben.

Die Auflösung

Bevor eine Einfriedung entfernt werden kann, muss sichergestellt werden, dass Schwarzwild und andere Wildarten, welche in den umliegenden Revieren nicht vorkommen, nicht in die freie Wildbahn gelangen. Im Grunde müssen also alle Tiere der betreffenden Wildart erlegt werden. Praktisch ist das schwierig bis unmöglich und daher ist damit zu rechnen, dass einzelne Tiere verbleiben, sich weiter vermehren und Wildschäden auf umliegenden Flächen nicht ausgeschlossen werden können. Diese Kosten kommen dann noch zu dem Aufwand für den Abbau kilometerlanger Zäune hinzu, die teilweise erst vor ein paar Jahren errichtet wurden.

Geplante Änderung des Jagdgesetzes

Laut einer Aussendung des VP Landtagklubs soll Ende Juni eine Änderung des Jagdgesetzes im NÖ Landtag beschlossen werden. Bereits Anfang des Jahres gab es dazu einen Entwurf, der die Auflösung von umfriedeten Eigenjagden vorgesehen hätte, aber mit der Möglichkeit einer Weiterführung im Rahmen verschiedener Nachnutzungsformen. Die Voraussetzungen für die Nachnutzung wurden dabei nicht beschrieben. Insofern ließ dieser Entwurf genauso alles offen, wie auch der kurze Absatz im gemeinsamen Arbeitsprogramm von ÖVP und FPÖ, die für umfriedete Eigenjagden „strenge Zertifizierungsvorgaben“ schaffen wollen, ohne diese konkret zu nennen.

Natürlich ist es einfach, auf Kampagnen von JagdgegnerInnen aufzuspringen, ohne sich selbst ein Bild zu machen. Leider führen einfache, populistische Forderungen nur selten zu den besten Lösungen.

Ich kann nicht ausschließen, dass es in einzelnen Gattern Missstände gibt. Nach näherer Betrachtung, würde ich aber von einem pauschalen Urteil Abstand nehmen. Es ist ein Unterschied, ob ein Wald mit natürlichem Wildvorkommen umfriedet wurde, um Schäden auf umliegenden Flächen zu verhindern, oder etwa eine Fichtenmonokultur, um GeschäftspartnerInnen zur Jagd auf Wildtiere einzuladen, welche vielleicht gar erst im Zuge der Umfriedung dort ausgesetzt wurden. Auch muss man bedenken, dass mit einem generellen Verbot von Jagdgattern auch die derzeit einzige Möglichkeit einer Jagdfreistellung, mittels Umzäunung, gefährdet ist.

So schnell man aber vor Jahren Umfriedungen bewilligt hat, so schnell ist man jetzt in der ÖVP mit dem Ankündigen von Gesetzesänderungen dazu. Möglicherweise um so die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren.

Andere Bereiche des Jagdgesetzes, abseits der Gatterfrage, werden hingegen komplett ignoriert, z.B. dürfen Wildtiere, wie Fasanen, immer noch bis zu vier Wochen vor Beginn der Schusszeit ausgesetzt werden, ganz unabhängig davon, ob die Tiere an diesem Ort überhaupt einen geeigneten Lebensraum vorfinden. Dass Jugendliche bereits mit 16 Jahren den Jagdschein machen können sollte auch überdacht werden. Ebenso § 97 (3) und (4), der unter bestimmten Bedingungen ungeschulten Personen, wie etwa Haus- und ObstgartenbesitzerInnen, das Fangen und Töten von Wildtieren, teilweise sogar während der Schonzeit, erlaubt.

Es wird jedenfalls spannend, inwiefern wirklich ExpertInnenmeinungen und Stellungnahmen im Begutachtungsverfahren berücksichtigt werden und am 28. Juni eine sinnvolle Gesetzesänderung zur Abstimmung kommt, oder ob es in Wirklichkeit nur darum geht, dem ehemaligen Obmann eines Tierrechtsvereins ein Häppchen hinzuwerfen, um Ruhe zu haben.

 

Alexandra Benedik, Tierschutzsprecherin der KPÖ

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