Einladung zum Zeitzeugingespräch zum Massaker in Stein/ Krems
Pressestelle - Niederösterreich
8. Juli 2025
Heuer im April jährte sich die Ermordung bisher immer noch ungezählter Menschen in den allerletzten Kriegstagen in Stein/ Krems zum 80. mal. Die KPÖ Niederösterreich gedachte des Massakers mit einem kleinen Erinnerungsakt am Antifaschistischen Gedenkstein vor dem Gefangenenhaus Stein.Katharina Fasl hat das Geschehen als junges Mädchen persönlich miterlebt.Am Sonntag, 13. Juli lädt die KPÖ gemeinsam mit Junge Linke zum Zeitzeugin-Gespräch mit Katharina nach Krems ein.Beginn 10 Uhr in der Oberen Landstraße 8
Vorweg lesen Sie hier die Rede von Niki Lackner, Gemeinderat der KLS und Bezirkssprecher der KPÖ in Krems, bei der Erinnerungsveranstaltung am 6. April 2025:
80 Jahre Massaker von Stein KPÖ Gedenken
Sehr geehrte Damen und Herren, Liebe Genossinnen und Genossen.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren erinnern wir als KPÖ heute wieder an dieser Stelle an das vor 80 Jahren hier geschehene Massaker. In den Jahren nach den unfassbaren Gräueltaten in den letzten Tagen des Hitlerfaschismus wurde in Krems kein Wert auf die Erinnerung gelegt. Es waren Überlebende und Augenzeugen, wie unser Genosse Gerassimos Garnelis, der dieses Denkmal hier baute und die antifaschistische KPÖ sowie der KZ Verband und die anderen Opferverbände, die an das Verbrechen erinnerten und sich an dieser Stelle hier trafen. Spät aber doch begann unter dem kürzlich zum Ehrenbürger der Stadt ernannten Bürgermeister Reinhard Resch ein würdevolles und offizielles Gedenken der Stadt an dem wir auch dieses Jahr im Anschluss an unsere kurze Versammlung wieder teilnehmen werden. Unter den Opfern waren auch Kommunisten aus Griechenland und anderen durch die deutsche Wehrmacht angegriffene Länder.
Heute, 80 Jahre nach dem Geschehenen möchte ich an dieser Stelle im Namen der KPÖ nicht nur an das Massaker selbst erinnern, sondern auch daran, was dem vorausging – und die Frage stellen, ob das heute noch einmal möglich wäre.
Auf den ersten Blick würde niemand ernsthaft für möglich halten, dass sich so etwas wie diese mörderische Menschenjagd heute erneut abspielen könnte. Aber es gibt tatsächlich Parallelen zwischen den 30er Jahren und heute, die wie eine dunkle Wolke das stets auch von uns beschworene Credo „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ verdunkeln. Auch bei uns in der Doppelstadt Krems-Stein und ihrem Umland ist die Geschichte vor 80 Jahren nicht stehen geblieben, und es gab und gibt auch weiterhin lokale Bezüge die es Wert sind öffentlich benannt zu werden, und sei es bei diesem Gedenken der KPÖ wenn sich sonst niemand findet, der sich in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen traut.
Es geht beispielsweise um die Verschiebung von Grenzen des sagbaren innerhalb des politischen Diskurses. So sehen wir heute wieder die bereitwillige Benutzung menschenverachtender Begriffe durch Proponenten der hohen Politik, die Herabwürdigung des politisch Andersdenkenden und die Forderung nach Aussetzung des Rechts – um Dinge tun zu können die den Menschenrechten widersprechen. Genau diese Vorbereitungshandlungen sind es, die faschistische Mörderregime benötigen um dorthin zu kommen wo sie hinwollen: Zur Entmenschlichung Ihrer Gegner.
Sei es derer die sie aus religiösen, kulturellen oder rassistischen Gründen verfolgen wollen oder, wie hier geschehen, politische Gegner denen man im Angesicht der winkenden Freiheit aus reiner ideologisch motivierter Mordlust das wichtigste nahm was sie hatten, ihr Leben.
Entmenschlichung – es ist dieses letzte Ziel das Faschisten erreichen wollen bevor die Dämme brechen und das Morden beginnen kann. Diese Verblendung der Massen führte soweit, dass sich hier an diesem Massaker auch Personen aus der Zivilbevölkerung beteiligt haben.
Werfen wir einen Blick in die Gegenwart und in die Gegend und in die letzten Jahrzehnte: Die aus dem VdU1)hervorgegangene Partei, die von ehemaligen SS Leuten gegründet wurde ist stärkste Partei geworden und wir standen knapp davor einen Bundeskanzler Kickl zu bekommen.
Wie wir nun wissen, hat es für die Bildung einer tragfähigen Regierung nicht gereicht und die enge personelle und strukturelle Verflechtung der FPÖ mit dem rechtsextremen und neonazistischen Spektrum dürfte hier insbesondere bei der kategorischen Forderung nach dem Innenministerium eine große Rolle gespielt haben. Es ist uns allen noch allzu gut in Erinnerung, wie Innenminister Kickl damals das BVT2)von einer Polizeieinheit stürmen ließ, und dabei jene Akten „sichergestellt“ wurden, die die Querverbindungen zwischen FPÖ und dem Rechtsextremismus in Österreich betrafen.
Der Büroleiter des Kremser Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz, Rene Schimanek seines Zeichens Stadtrat in Langenlois wurde Ziel von Ermittlungen des Geheimdiensts im Zusammenhang mit Funden von NS Memorabilien, Munition und weiteren Gegenständen bei einer Hausdurchsuchung im Forsthaus Kronsegg. Die Kremser Nachrichten berichteten bereits in den 80er und 90er Jahren ausführlich über die Gruppierung von Rechtsradikalen und Neonazis in Langenlois und Umgebung, in der Mitglieder der Familie Schimanek stets eine prominente Rolle einnahmen.
In unserer Bezirksparteileitung steht ein kleines Stück Geschichte im Schrank und erinnert uns daran. Es ist eine Neun-Millimeter-Patrone aus dem Jahr 1939, die meinem Vorgänger, unserem Genossen Franz Kral damals von der VAPO3)ins Postkastl geschmissen wurde. Dieses eindeutige Zeichen war nicht das einzige das sie hinterließen, es fanden sich auch Graffitis „Kral Jude“ und „Kral ins Gas“ an Hauswänden in Krems. Hansjörg Schimanek, Gottfried Küssel und ihre Mittäter marschierten vor knapp 40 Jahren in der Fußgängerzone am Sonntag im Gleichschritt und sangen dabei das Horst Wessel Lied – in SA ähnlichen Uniformen. Heute ist nun die nächste Generation der Familie Schimanek auffällig geworden, die sich als Rädelsführer der „Sächsischen Separatisten“ in Deutschland hervorgetan hatte und deren Netzwerk dort zerschlagen wurde.
Unser Bezirk, namentlich jenes Forsthaus Kronsegg, welches pikanterweise der Gemeinde Langenlois gehört und an den verstorbenen ehemaligen FPÖ Landeschef Schimanek Senior vermietet war, spielte hier eine Rolle als mutmaßlicher Rückzugsort nach einem erfolgten „Tag X“, der einen bewaffneten Umsturz kennzeichnen sollte. Nahezu im Wochentakt werden seither weitere Waffennarren aus dem neonazistischen Milieu ausgeforscht und Unmengen an NS Material und Kriegswaffen beschlagnahmt.
Wir müssen wachsam bleiben, denn die Demokratie hat eine Schwachstelle die ihr Innewohnt und das wissen auch die Faschisten genau: Sie kann sich selbst abschaffen. Das darf nie wieder geschehen. Es ist unsere Aufgabe als Kommunistinnen und Kommunisten den in der Vergangenheit verlorengegangenen Antifaschistischen Grundkonsens der zweiten Republik in Erinnerung zu rufen und gegen alle gesellschaftlichen Entwicklungen die man als Vorbereitung auf eine Refaschisierung lesen kann, zu benennen und politisch zu bekämpfen.
Es ist und bleibt auch weiterhin eine der wichtigsten Aufgaben der Demokratie, sich selbst vor ihren Feinden zu beschützen. Dieser Kampf gegen den wiedererstarkenden Rechtsextremismus, Neonazismus und Faschismus muss gesamtgesellschaftlich und parteiübergreifend geführt werden um die Errungenschaften einer freien Gesellschaft zu beschützen. Wir werden auch weiterhin genau hinsehen, wenn es entsprechende Umtriebe in unserer Stadt gibt und konsequent dagegen auftreten. Das ist unsere in unsere DNA als Kommunist*innen eingeschrieben.
Zum heutigen Gedenken an die Opfer des Massakers von Stein vor 80 Jahren an diesem Ort, diesem Erinnerungsstein, dem sogenannten Griechendenkmal, möchte ich mit den weisen Worten von Genossin Irma Schwager enden. Sie sagte:
„Ich glaube, dass die Steine der Erinnerung dazu beitragen, die Menschen, die auf so furchtbare Weise gequält und ermordet wurden, nicht zu vergessen. Sie sind auch eine Mahnung an die Generationen von heute und morgen, wachsam zu sein und nicht zuzulassen, dass unter dem Vorwand der Meinungsfreiheit mit Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit Menschen wieder aufgehetzt werden.Man muss den Demagogen von heute und Holocaustleugnern, die den Faschismus verharmlosen wollen, entschieden entgegentreten, damit sich die bitteren Erfahrungen, die meine Generation machte, nicht wiederholen können.Wir, die das unwahrscheinliche Glück hatten, die faschistische Hölle zu überleben, haben uns nach dem Krieg geschworen: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“
Nie wieder ist Heute! In diesem Sinne möchte ich mich für eure Teilnahme an diesem Gedenken bedanken und schließe mit dem Traditionsgruß der KPÖ: „Freiheit!“
1)VdU: Verband der Unabhängigen – eine deutschnationale Partei in Österreich in der zweiten Republik und Vorläufer der FPÖ2)BVT: Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung3)VAPO: Volkstreue außerparlamentarische Opposition, (https://www.doew.at/erkennen/rechtsextremismus/rechtsextreme-organisationen/volkstreue-auszerparlamentarische-opposition-vapo)
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